3 Fragen an ...

Im Interview Dr. Viola Bronsema

Geschäftsführerin BIO Deutschland

Portraitbild Dr. Viola Bronsema / Quelle: BIO Deutschland
Dr. Viola Bronsema | BIO Deutschland

Frau Dr. Bronsema, der Biotechnologie-Standort Deutschland belegt weltweit eine Spitzenposition. Wo sehen Sie die besonderen Stärken der deutschen Biotechnologie?

Die Deutsche Biotechnologiebranche wächst dynamisch und das schon seit ein paar Jahren. Wir zählen im Moment rund 670 Biotechnologieunternehmen in Deutschland. Fast 34.000 Beschäftigte erwirtschafteten einen Umsatz von 4,9 Mrd. Euro, ein Plus von zehn Prozent zum Vorjahr. Außerdem wurden 21 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiert. Wie wichtig die hohe Forschungsquote ist, zeigt die Corona-Pandemie. Mehr als die Hälfte der Unternehmen sind in der medizinischen Biotechnologie aktiv. Das heißt sie forschen an Therapien, an Diagnostika und Impfstoffen und unterstützen bei der Forschung z. B. durch die Durchführung klinischer Studien oder die Produktion von biotechnologisch hergestellten Wirkstoffen. Viele dieser Unternehmen konnten sich auf Basis ihrer Expertise in Forschung und Entwicklung agil auf die aktuelle Situation einstellen. Sie fokussieren gerade ihre ganze Energie darauf, zuverlässige diagnostische Tests und Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 und Therapien gegen COVID-19 zu finden. Der Sektor der medizinischen Biotechnologie in Deutschland ist insgesamt gut aufgestellt, v. a. bei den Produktionskapazitäten biotechnologischer Arzneimittel ist Deutschland in Europa führend, was auch für die Herstellung von Impfstoffen relevant ist. Aber auch die so genannte industrielle Biotechnologie, die enzymatische Verfahren entwickelt, um industrielle Prozesse klimaschonend und nachhaltig zu machen, hat hier einen wichtigen Stellenwert.

BIO Deutschland setzt sich als der Fachverband der Branche vor allem für verbesserte Rahmenbedingungen im Inland ein. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Internationalisierung. Hier arbeiten Sie eng mit der Exportinitiative Gesundheitswirtschaft zusammen. Wo sind dabei Ihre Schwerpunkte?

Die Exportinitiative Gesundheitswirtschaft ist ein wichtiger Partner, um unsere Mitglieder optimal in relevanten Auslandsmärkten zu vernetzen. Wichtige Bausteine sind hier Informationsmaterialien zusammengestellt von ausgewiesenen Experten oder Unternehmensverzeichnisse, die ausländischen Geschäftspartnern einen schnellen Überblick über die Leistungen der deutschen Unternehmen bieten. Durch die Unterstützung beim Marketing auf wichtigen Auslandsmessen, z. B. durch Workshops vor Ort, Imagefilme und weitere Informationsangebote, erhalten unsere Unternehmen mehr Sichtbarkeit. Außerdem schätzen wir sehr die Zusammenarbeit bei unserer nationalen Branchenplattform, den Deutschen Biotechnologietagen. Besonders gefreut hat uns auch die Unterstützung der Exportinitiative bei unserem diesjährigen virtuellen Partnering-Event, dem German Corona Showcase, in dem wir aus aktuellem Anlass, ein Schlaglicht auf die Leistungen der deutschen Branche im Kampf gegen das Corona-Virus legen möchten.

Im Kampf gegen das Corona-Virus stehen Biotechnologieunternehmen an vorderster Front. Sehen Sie in der Krise auch eine Chance für die Biotechnologiebranche – in Deutschland und weltweit?

Rund 50 unserer Mitgliedsunternehmen geben an, im Kampf gegen das Corona-Virus aktiv zu sein, sei es bei der Entwicklung von Diagnostika, Therapien oder Impfstoffen. Die Aufmerksamkeit, die der Branche aufgrund dieser globalen Krise momentan zuteilwird, ist so noch nie dagewesen. Jetzt wird überdeutlich, wie systemrelevant biotechnologische Forschung ist. Damit einher gehen auch Chancen. Zum einen, dass nicht nur jetzt sondern auch langfristig die Förderung der kleinen und mittleren hochinnovativen Unternehmen besser ausgestaltet wird oder die Rahmenbedingungen für private Investoren verbessert werden. An den aktuellen Leuchtturm-Firmen wie BioNTech und Curevac sehen wir, dass es private Investitionen in der Größenordnung mehrerer 100 Millionen Euro braucht, um global mitzuhalten und einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie zu leisten. Wir haben beispielsweise sehr begrüßt, dass das BMBF 750 Mio. Euro für die Impfstoffforschung und -herstellung zur Verfügung stellt.

Es wäre auch zu begrüßen, wenn durch die aktuell sehr intensive internationale Anstrengung, Harmonisierungen bei Zulassungsprozessen möglich würden. Auch der Zugang zu anonymisierten Datenspenden für die Industrie würde die Forschung beschleunigen und Ergebnisse verbessern.

Die Corona-Pandemie zeigt sehr deutlich, wie wichtig es ist, vorbereitet zu sein. Wir müssen langfristig denken. Wir brauchen Technologieplattformen, die es erlauben schnell auf neue Viren reagieren zu können. Wir brauchen auch neue Antibiotika, um nicht den Kampf gegen multiresistente Erreger zu verlieren, eine weitere Bedrohung die – mit Ansage – auf die globale Gemeinschaft zurollt. Die Botschaft lautet: Nur durch langfristig gedachte, zuverlässige Förderungen und Rahmenbedingungen kann die Forschung und Entwicklung so aufgestellt werden, dass globalen Gesundheitskrisen flexibel begegnet werden kann, ohne zu großen wirtschaftlichen Schaden anzurichten.