3 Fragen an ...

Im Interview Sebastian Zilch

Geschäftsführer des Bundesverbands Gesundheits-IT, bvitg e.V.

Portraitbild Sebastian Zilch / Quelle: bvitg
Sebastian Zilch | bvitg

Herr Zilch, mit der Coronakrise haben digitale Lösungen quasi durch die Hintertür endlich Eingang in die Gesundheitsversorgung in Deutschland erhalten. Was genau hat sich getan?

Das Potenzial von IT im Gesundheitswesen hat sich während der Corona-Pandemie an vielen Stellen gezeigt: Viele Unternehmen aus der Gesundheits-IT-Branche leisteten schnell und unkompliziert dort Hilfe, wo sie benötigt wurde. So wurden Krankenhaus-IT-Systeme mit Add-ons ausgestattet, die eine bessere Verdachtsdokumentation ermöglichen oder die Nachverfolgung von Infektionsketten erleichtern.

Oft wurden ganz neue Lösungen entwickelt, etwa Tools zur Selbst-Anamnese, mit denen Patientinnen und Patienten schon im Vorfeld behandlungsrelevante Informationen erfassen konnten. Prominentestes Beispiel im Bereich Apps ist sicher die Corona-Warn-App, die unter Wahrung höchster Standards im Datenschutz hilft, die Ausbreitung des Virus zu kontrollieren.

Viele der Anwendungen und Dienste haben auch über die Pandemie hinaus enormes Potenzial. Ein ideales Beispiel dafür sind Videosprechstunden. Denn von Vorteilen wie geringerer Wartezeiten, kurzen Wege sowie einem reduzierten Ansteckungsrisiko durch leerere Wartezimmer können wir weiterhin profitieren. Gerade in ländlichen Regionen können sie zudem als sinnvolle Ergänzung zum Vor-Ort-Besuch dazu beitragen, die medizinische Versorgung langfristig und flächendeckend zu sichern.

Das Bundesgesundheitsministerium spricht in dem Zusammenhang von einem Digitalisierungsschub. Wie nachhaltig ist die aktuelle Entwicklung und wo hakt es noch?

Wie nachhaltig die Entwicklung ist, wird sich noch zeigen. Denn es gibt vielerorts durchaus die Versuchung auf alte, bekannte Pfade zurückzufallen.

Die derzeitige Situation bietet jedoch eine einmalige Chance: Denn zahlreiche Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte konnten sich in den vergangenen Monaten konkret von den Vorteilen digitaler Lösungen wie der Videosprechstunde überzeugen. Diesen Rückenwind gilt es zu nutzen für eine umfassende, digitale Neugestaltung unseres Gesundheitssystems.

Als Vertreter von über 90 führenden IT-Anbietern im Gesundheitswesen wollen wir unseren Beitrag leisten, dass dies erfolgreich gelingt und vor allem die Mehrwerte im Fokus stehen. In diesem Sinne setzen wir uns in der Politik für einen freien und fairen Markt mit einheitlichen rechtlichen Rahmenbedingungen ein, in dem Anbieter mit Nutzerfreundlichkeit und Innovation überzeugen müssen.

Covid-19 hat die Gesundheitssysteme weltweit gelähmt und häufig auch eklatante Defizite offenbart. Viele Staaten planen in Zukunft verstärkt smarte, sprich digitale Lösungen einzusetzen. Das ist doch auch eine große Chance für deutsche Hersteller?

Sicherlich. Wobei es hier Einschränkungen gibt: Gerade der deutsche Markt ist in einigen Aspekten relativ einzigartig, sodass Lösungen und Geschäftsmodelle nicht immer eins zu eins auf andere Länder übertragbar sind.

Langfristig ist es jedoch erklärtes Ziel der EU, hier einen länderübergreifenden Raum zu schaffen, in dem Daten ausgetauscht und Lösungen angeboten werden können. Wichtige Voraussetzung dafür ist eine konsequente Anwendung von international genutzten Standards. Das Beispiel Corona zeigt, dass es einer Zusammenarbeit bedarf, die nicht an nationalen Grenzen Halt macht.

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