3 Fragen an ...

Im Interview Jennifer Goldenstede

SPECTARIS - Leiterin Außenwirtschaft

Portraitbild Jennifer Goldenstede/ Quelle: SPECTARIS
Jennifer Goldenstede | SPECTARIS

Frau Goldenstede, ihre Mitgliedsunternehmen schätzen besonders das umfassende Informations- und Unterstützungsangebot von SPECTARIS. Was sind in der jetzigen Situation die dringlichsten Fragen deutscher Medizintechnikhersteller?

Wir vertreten neben Unternehmen aus den Bereichen Photonik, Augenoptik und Analysen-, Bio- und Labortechnik rund 180 deutsche Hersteller von Medizintechnik – vornehmlich KMU. Daher drehen sich viele Fragen um praktische Belange, etwa um das Thema Ausgangssperren, aber auch um finanzielle Hilfen in der derzeitigen Situation. Wir haben dazu viele Informationen gesammelt und unseren Mitgliedern bereitgestellt. Neben diesen Fragen stellen sich aber auch ganz praktische Herausforderungen: Medizintechnikunternehmen, deren Produkte im Zusammenhang mit den hohen Infektionszahlen in den Bereichen Diagnostik und Behandlung besonders gefragt sind, versuchen der hohen Nachfrage gerecht zu werden. Daher versuchen wir aktuell, freie Produktionskapazitäten aus unseren Branchen insgesamt mit dem gestiegenen Bedarf bei Herstellern der kritischen Güter zu matchen. Hier zeigen sich die Unternehmen sehr offen und sind bereit, zu unterstützen. Diese Angebote veröffentlichen wir online. Die Exportquote in der Branche liegt bei rund 65%, insofern zeigen sich auch hier große Herausforderungen. Problem sind etwa die vielfachen Messeabsagen oder -verschiebungen. Das wirft rechtliche Fragen auf – und wird auch in der Folge Umsatzeinbußen nach sich ziehen. Mit Blick auf Auslandsmärkte gibt es zudem Exportrestriktionen für bestimmte Produkte aus der Medizintechnik, auch das wirft Fragen auf.

Bleiben wir bei den Exportverboten. Welche Bereiche sind hier aktuell betroffen und wo können sich Unternehmen dazu tagesaktuell informieren?

Nach einem ersten Vorstoß der Bundesregierung zu einem Exportverbot, den wir in Teilen kritisch gesehen haben, gab es auch schnell entsprechende Anpassungen, die nach Eingabe durch SPECTARIS aufgenommen wurden. Dabei ging es u.a. um den Schutz von Patienten im Bereich der Homecare-Provider. Zudem haben wir eine europäische Abstimmung gefordert, da die Unternehmen nicht mehr nur national agieren. Am 15. März hat die Europäische Kommission dann die Durchführungsverordnung (EU) 2020/402 über ein Exportverbot medizinischer Schutzausrüstung an Drittstaaten erlassen, die die nationale Vorgabe ersetzt hat. Auch hier bemühen wir uns um einige Ausnahmen, um etwa die Ausfuhr reparierter Geräte in außereuropäische Länder gewährleisten zu können. Wir erwarten aktuell jedoch nur noch kleinere Anpassungen und keine größeren Neuerungen. Diese werden auch immer online über unsere Homepage unter dem Titel „Exportverbot“ auf der Sonderseite zum Coronavirus abrufbar sein.

Die Corona-Krise lähmt das komplette öffentliche und wirtschaftliche Leben der betroffenen Länder, auch wir spüren das zunehmend im Alltag. Hat das möglicherweise auch Auswirkungen auf regulatorische Fragen wie beispielsweise die Umsetzung der Anforderungen der neuen MDR?

Ja, da auch die Benannten Stellen ihrer Arbeit nicht mehr regulär nachgehen können, befürchten wir hier große Engpässe – die in dieser Situation besonders verheerende Folgen haben können. In den vergangenen Tagen kam es bereits zu Schließungen von Benannten Stellen in Italien, abgesagten Audits und behördlich untersagten Treffen vor Ort. Darüber hinaus belegt eine aktuelle Umfrage von SPECTARIS und Medical Mountains, die noch vor dem Ausbruch der Pandemie erhoben wurde, die nach wie vor großen Umsetzungsschwierigkeiten mit der neuen Verordnung. Angesichts des sich ausbreitenden Coronavirus spricht sich die Medizintechnik im Deutschen Industrieverband SPECTARIS neben weiteren Verbänden dafür aus, den Geltungsbeginn der Medical Device Regulation (MDR) am 26. Mai 2020 zu verschieben.